Erkunden

Woher kommt das Symbol des Rades?

Kreisend leben.

Der bewusste Blick auf die Zyklen des Lebens – auf Jahreszeiten, Lebensphasen, Körper und ihre Rhythmen – gibt uns Orientierung in der wunderschönen Vielfalt des Lebendigen. In allem liegt ein Werden und Gebären, ein Wachsen und Blühen, ein Sterben und Sinken, ein Kompostieren und Neuwerden. Wie können wir Rhythmen finden, die uns lebendig machen, statt uns durchgetaktet einem System zu unterwerfen, das strukturell Lebendiges ausbeutet?

Das Rad ist ein Symbol für den Kreislauf des Lebens, der sich zyklisch bewegt und doch fortschreitet. Solche Vorstellungen und Symbole finden sich in unzähligen Kulturen der Welt. Wir finden Räder und Darstellungen von Zyklen etwa in Felszeichnungen in Skandinavien, in prähistorischen Kultstätten wie dem Sonnenobservatorium Goseck in Sachsen-Anhalt, in unterschiedlichen indigenen kulturellen Praktiken, im daoistischen Yin-und-Yang-Symbol oder auch ganz regional in den Mythen der Frau Holle, die die Zeit wie ein großes Mühlrad drehen soll.

Wir vertreten keine fertige Theorie und folgen keinem bestimmten Modell. Wir versuchen auch nicht, eine vermeintlich ursprüngliche europäische Kultur wiederherzustellen. Der heute verbreitete „keltische Jahreskreis“ etwa ist keine uralte, unverändert überlieferte Tradition. Vieles, was heute selbstverständlich erscheint, wurde erst in der Moderne aus unterschiedlichen historischen Quellen, Bräuchen und Neuerfindungen zusammengesetzt – unter anderem durch die Wicca-Bewegung im 20. Jahrhundert.

Auch versuchen wir nicht, uns einfach bei anderen Kulturen zu bedienen. Wir setzen uns damit auseinander, dass Wissen über Zyklen, Naturverbindung und Übergangsrituale über vielfältige, teilweise auch von kolonialen Machtverhältnissen geprägte Wege weitergegeben, angeeignet und verändert wurde. Das betrifft etwa auch das Vier- Schilde-Modell, mit dem wir uns in unserer Arbeit auseinandersetzen.

Wir vier Initiator*innen sind als weiße Menschen Teil von Gesellschaften, die durch koloniale Kontinuitäten geprägt sind, und profitieren bis heute von kolonialen Macht- und Wissensordnungen. Ohne die vielfältigen Linien von Wissensweitergabe, in denen sich immer auch Brüche, Übersetzungen und Aneignungen finden, gäbe es Holles Rad nicht. Wir wollen diese Widersprüche nicht auflösen, sondern sichtbar machen und machen unsere Suche darin mit zum Inhalt unserer Briefe.

Danke an all die Menschen und Kräfte, die dazu beigetragen haben, dass wir heute Holles Rad machen können.

Eine queere wilde Holle

HOLLE IST DAS LEBEN.

Vor fünf Jahren sind wir in die Region rund um den Meißner gezogen. Dort, unter dem Holleteich, wohnt – so wird erzählt – die Frau Holle in ihrem immergrünen Garten und wiegt die Seelen, bis sie wieder ins Diesseits kommen. Die Holle ist mal Teil der Landschaft, steckt in einem Baum oder See, mal macht sie das Wetter oder erscheint uns als alte Muhme, um Menschen an die Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu erinnern. Überall rund um den Meißner gibt es Orte, deren Namen noch an sie erinnern.

In verschiedenen Zeiten wurde sich die Figur der Holle zunutze gemacht, auch um essentialistische, patriarchale oder patriotische Ideologien zu untermauern. Trotz dieser historischen Verfärbungen der Frau Holle wollen wir in die Bilder und Geschichten lauschen, die von dieser Figur übrig geblieben sind.

Was macht es mit uns, wenn wir uns vorstellen, dass alles Lebendige aus Holles Garten kommt und auch dorthin zurückkehrt?
Wenn Holle in allem Lebendigen steckt – auch in uns selbst – ist sie so vielfältig, wild und queer wie alles, was lebt.

bald kannst du hier noch mehr Hintergründe unserer Arbeit finden.